sábado, 23 de junho de 2012

Neo-antropophagische Hexenküche - Angélica Freitas' Gedichtband rilke shake

Luísa Costa Hölzl, 15.06.2011

Bereits der himmelblaue Umschlag dieses Buches stimmt fröhlich: es grüßt uns eine bunte animal farm, Kühe, Schweine, Hühnervolk, bunt angezogen und aufrecht halten sie sich an (Käfig?)-Stäbe. Ganz oben der Name der Dichterin: Angélica Freitas, dann der Titel »rilke shake«, der beim deutschen Leser zugleich Neugierde wecken wird, unten der Verlagsname und dann, angenehm überraschend, die Angabe »aus dem brasilianischen Portugiesisch übertragen von Odile Kennel«.

Der kleine Verlag luxbooks hat sich auf die Fahne geschrieben, in seiner Reihe luxbooks.latin Lyrik aus Lateinamerika im deutschsprachigen Raum bekannt zu machen. Diese Bücher erscheinen zweisprachig, was nicht nur dem mehrsprachigen oder den sprachbegeisterten Leser entgegenkommt, sondern vor allem die Übersetzungsarbeit als kreativen Prozeß honoriert.

Nach dem Prolog – den letzten Gedanken eines Geigers beim Flugzeugabsturz – eröffnet das Eingangskapitel »rilke shake« ein süßsaures Cocktail aus tonangebenden Größen der literarischen Moderne. Angélica Freitas (*1973) empfiehlt uns eine »Entmallarmisierung« – zum Teufel mit Mallarmé, Blake und Pound, mit Elisabeth Bishop, Natalie Barney und Gertrude Stein! Sie alle würzen diesen Shake aus Referenz/Reverenz und augenzwinkender Irreverenz, denn mal liegen sie mit dem Ich in der Badewanne, mal überschütten sie gemeinsam mit ihr (denn es ist ein weibliches Ich) die Gänseliesel in Göttingen mit Küssen. Sie hüpfen in der saftigen Imagination des Ichs von Zeile zu Zeile, stolpern von Gedicht zu Gedicht. Angélica Freitas verfährt nach dem Motto: Wenn wir alles gelernt, in Wikipedia gesucht und gefunden, aufgenommen und heruntergeschluckt haben, liegen uns die Kulturbrocken schwer im Magen und es ist an der Zeit sie auszuspucken. Die Portugiesin Natália Correia hat einmal behauptet »A poesia é para comer«, die Poesie darf/soll gegessen werden. Ja, wir Leser dürfen jede Zeile dieses Buches nach Lust und Laune verzehren: Angélicas nostalgisch-heitere Liebesgedichte, ihre Parodie auf Haikais, die zu neuem Genre der bai-bais mutieren (»wer bai-bais schreibt weiß: vorbei/die schöne zeit«), ihr Karthographieren von Lebensorten aus der ganzen Welt oder ihre Warnungen vor mißglückten Beziehungen im letzten Kapitel »Rosa Buch der törichten Herzen«. Das Ich – lesbisch, großgeworden im bürgerlichen Milieu, weit gereist, lebenserfahren , belesen trotz Vorliebe für das Radiohören – mag ein törichtes Herz in Sachen Liebe besitzen und manches liest sich als Befreiungsschlag, doch geschieht dies weder verzweifelt noch zerknirscht, sondern heiter und selbstironisch in kritischer Distanz zu Tradition und Erbe.

Wobei die Reverenz spürbar bleibt. Von den Pariser Salons der ersten Hälfte des XX. Jahrhunderts bis zu den heutigen blogspots ist ein langer Weg beschritten worden. Gerade jene Figuren, die Angélica so lustvoll zum Cocktail mixt, eröffneten zu ihrer Zeit den Weg zu neuen Lebensentwürfen und zu einer völlig anderen Art und Weise, Kunst zu produzieren und zu rezipieren. Angélica holt jene weibliche Ikonen von ihrem Altar herunter. Sie zerschnipselt dann die Heiligenbildchen und fügt sie zu neuen Bildern zusammen. Aber es geht weder um intertextuelle Spielchen noch um intellektuelle Auseinandersetzung (die höchstwahrscheinlich dennoch stattfand), denn die literarische Bezugnahme mutet einfach komisch an und womöglich reizt sie die Leser, sich über diese Bezugspersonen und Übermütter zu informieren. Vielleicht reiht sich Angélica doch in eine brasilianische Tradition eines Oswald de Andrade ein mit seinem »Manifesto Pau Brasil« oder »Manifesto Antropófago«? Denn wie einst die Menschenfresser verleibt sich diese Lyrik einige morceaux exquis nicht-brasilianischer Kultur ein. Und dann entsteht, wie Oswald es sich 1922 wünschte, Poesie als brasilianisches Exportgut!

Ein Exportgut, das dann, durch die Feder einer Odile Kennel, selbst Poetin, bei uns landet. In einem Nachwort erklärt sie einiges zur Dichterin und stellt Bezüge zu anderen Lyriker her, wie zu Morgensten oder zur Portugiesin Adília Lopes. Und sie verpaßt nicht die Gelegenheit, uns Sinn und Grenzen einer literarischen Übersetzung näherzubringen. Das liest sich wie ein Plädoyer für Freiheit und Kreativität des Übersetzens, denn drei Prämissen will sie treu bleiben: erstens ist mit etwas Spieltrieb alles übersetzbar, zweitens läßt sich der Sinn mehr dehnen als die Form und drittens ist nichts absolut. So zeugen Odiles Übertragungen von jenem kreativen Suchen nach dem Gedicht, als, um einen Übervater der Moderne, Paul Valéry, zu zitieren, »cette hésitation prolongée entre le son et le sens«. Dieses Zögern zwischen Klang und Sinn in den witzig-tiefgründigen Kreationen von Angélica spricht Deutsch in den Fundstücken von Odile. So verwandeln sich im Epilog Brüsseler Hexen in welche aus Hessen:

AS BRUXAS de bruxelas
batem panelas
pra espantar as baratas tontas
que vivem nas pontas
dos sapatos delas


DIE HEXEN aus hessen
werfen mit essen
entsetzen dämliche echsen
die sich gern setzen
auf die haxen der hexen

Hoffentlich werden zukünftig weitere zweisprachige Wortgespinste in der Hexenküche gebraut.

Luísa Costa Hölzl*

Angélica Feitas:
rilke shake.

Aus dem Portugiesischen von Odile Kennel.
Luxbooks, 2011



* Luísa Costa Hölzl
ist, Dichterin, Portugiesisch-Dozentin in München und Mitbegründerin des Vereins Lusofonia.
Für novacultura schrieb sie zuletzt über Maria Teresa Horta.

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